08.02.2023 22:14 Alter: 1 year
Kategorie: fb2, geschichte

Als Kind im Konzentrationslager - Erinnern allein ist nicht genug.

Zeitzeugengespräche mit Mitek in der Ernst-Ludwig-Schule anlässlich des diesjährigen Holocaustgedenktages.



Vier Jahre alt war Mitek, eigentlich Mieczysłow Grochowski, als er und seine Familie von den Nationalsozialisten ins Internierungs- und Arbeitslager Leberechtsdorf-Potulitz verschleppt wurden. Er hat überlebt – und das ist alles andere als selbstverständlich. Der heute 83-Jährige teilte am Dienstag im Rahmen eines Zeitzeugengesprächs mit circa 120 Oberstufenschülerinnen und -schülern der Ernst-Ludwig-Schule seine Erinnerungen. Die Veranstaltung, moderiert von den Oberstufenschülern Nele Doufrain, Ben Kristof und Vincent Tröger, organisiert von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (Wetterau), vom Auschwitz-Komitee in der Bundesrepublik Deutschland e.V. und gefördert durch die Hessische Landeszentrale für politische Bildung, wurde von den Fachbereichsleitern Sandra Wolf, Helmut Walter und Stephan Schröder an die Ernst-Ludwig-Schule geholt, um den Jugendlichen, die kurz vor dem Abitur stehen, die Chance zu geben, Auge in Auge mit einem Menschen zu sprechen, der noch selbst erfahren hat, wie grausam die Nationalsozialisten mit Menschen umgingen. Bei der Zeitzeugenbefragung mit Mitek geht es jedoch nicht nur um die Weitergabe von Erinnerungen, betonte Neithard Dahlen, Mitglied des Ausschwitz-Komitees. Es sei wichtig, den Opfern würdigend zu gedenken, Lehren aus dem Erlebten zu ziehen, allen Menschen mit Respekt und Mitgefühl zu begegnen und gegen Hass und Hetze seine Stimme zu erheben. Die Veranstaltung wurde durch die Anwesenheit von Manfred de Vries, dem Vorstand der jüdischen Gemeinde in Bad Nauheim, geehrt. Einen Tag später hatten auch ca. 150 Eltern, Lehrer:innen, interessierte ehemalige Schüler:innen und weitere Gäste in einer Abendveranstaltung, die von der Schulleiterin Uta Stitterich eingeleitet wurde, die Möglichkeit, Miteks Zeitzeugenbericht zu erleben.
Mitek wurde als jüngstes von acht Kindern katholischer Eltern am 25. März 1939 im polnischen Pommern geboren. Nach Ausbruch des Krieges versuchten die deutschen Besatzer, Teile der dort lebenden Bevölkerung zu „germanisieren“. Wer seinen Namen auf eine „Volksliste“ setzte, konnte die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Miteks Vater Josef und sein Großvater lehnten dieses Angebot ab, denn es hätte bedeutet, in der Wehrmacht kämpfen und die polnische Identität aufgeben zu müssen. 1943 wird deshalb die gesamte Familie inhaftiert und in Viehwaggons von Danzig in das KZ Stutthof deportiert. In Stutthof wird die Familie getrennt. Der vierjährige Mitek, seine zwei Jahre ältere Schwester und seine Mutter kommen in das Internierungs- und Arbeitslager Lebrechtsdorf-Potulitz, einem Außenposten des KZ Stutthof.  


Mitek erinnert sich noch sehr genau an Hunger, Kälte und Krankheit. Geschlafen wurde auf Strohsäcken, die immer nass waren. Alle Kinder waren ständig erkältet. Zu essen gab es wässrige Suppen, in denen Maden schwammen – und die dennoch aus Verzweiflung gegessen wurden. Die Mutter schob mit dem Löffel die Würmer beiseite. Die Menschen im Lager wurden von schweren Krankheiten geplagt. Eine medizinische Versorgung oder Medikamente gab es nicht. Mitek erkrankte an Typhus, war drei Tage lang besinnungslos und überlebte nur, weil seine Mutter ihn im Bett versteckte und sich ein Kapo, so nannte man die Funktionshäftlinge in einem Konzentrationslager, dazu entschloss, dies nicht zu bemerken. So konnte er vor der Einweisung in die Krankenstube bewahrt werden, aus der kaum jemand zurückkehrte.
Unauslöschlich in sein Gedächtnis eingraviert ist auch die Angst. Einen Horror hatten er und die anderen Kinder vor einer dicken Impfnadel, die ihnen in die Brust gerammt wurde. Schlimmer noch war aber, als die Mutter für einige Wochen in die Krankenbaracke kam und Mitek und seine Schwester ganz auf sich allein gestellt waren. Er weiß noch, dass sie sich einsam und verwahrlost fühlten wie „herrenlose Hunde“. Die Freude sei unbeschreiblich gewesen, als sie zu ihnen zurückkam.
Im Februar 1945 kam der Befehl, so Mitek, dass die Kinder, die Verwandte außerhalb des Lagers hatten, Potulice verlassen konnten. Von Wanzen völlig zerbissen, traf er bei seiner Tante ein. Deren Kinder konnten wenig Verständnis für den verstörten Jungen aufbringen. Mitek fühlte sich drangsaliert und isoliert. Er konnte sich erst wieder beruhigen, als nach weiteren drei Monaten seine Mutter mit den Geschwistern zurückkehrte. Seinen Vater sah er nicht mehr wieder. Per Telegramm wurde die Familie darüber informiert, dass er „gefallen“ sei. Die Todesursache haben sie nie erfahren. Ihr altes Zuhause in Vorpommern war abgebrannt und der Kampf ums Überleben ging weiter und dennoch war die wichtigste Botschaft für die Familie: Wir sind wieder frei.


Nach dem Krieg besuchte Mitek ein Internat und wurde im Alter von 18 Jahren Autoelektriker. Er entdeckte seine Leidenschaft für das Angeln und Trompetenspiel. Schließlich trat er dem polnischen Marineorchester bei und schloss sich später einem Zirkus an. Dank seines Berufs kam er in der Welt herum. Er ist Vater und glücklich verheiratet. Zweifelsohne hat sich sein Leben trotz all dem Leid positiv entwickelt und doch – so bekennt er – „die Angst begleitet mich immer.“
Mit verschiedenen Trompetenstücken verabschiedete sich Mitek an beiden Tagen von den Zuhörer:innen, die neben der musikalischen Erinnerung an die toten Kinder von Potulice, die Botschaft mitnehmen konnten, dass sich jede und jeder für Mitmenschlichkeit einsetzen sollte. Es gilt, Partei zu ergreifen für all jene, die beleidigt, abgewertet und bedroht werden - jeden Tag.