30.11.2022 16:10 Alter: 2 yrs
Kategorie: fb1, Kunst

Von der Lieblingspizza bis zum letzten Abendmahl



Kunstwerke von 39 Schülerinnen und Schüler der Ernst-Ludwig-Schule sind bis zum 07.01.2023 in der Stadtbücherei Bad Nauheim zu sehen. Die Initiatorin der Ausstellung, Jana Tiborra, Lehrkraft im Vorbereitungsdienst, und ihre Kolleginnen und Kollegen des Fachbereichs Kunst konnten dieses Projekt dank der Unterstützung von Gaëlle Götz, der Leiterin der Stadtbücherei, verwirklichen.

Eine junge rothaarige Frau blickt ebenso ernst wie erwartungsvoll ihre Betrachter an, während sie eine Art Seifenblase, in der sie zu stehen scheint, zu verlassen sucht. Einerseits gibt sie den Blick frei auf ihre Welt im Inneren der Blase und tritt andererseits selbst in Kontakt mit der Außenwelt. Dieses bemerkenswerte Bild ist das Leitmotiv der Kunstausstellung, in der Schülerinnen und Schülern von der sechsten Klasse bis zur Oberstufe den interessierten Betrachtern einen Einblick in ihre Welt gewähren. Am Donnerstagnachmittag luden die Organisatoren der Ausstellung zur Vernissage in Anwesenheit der jungen Künstlerinnen und Künstler, ihrer Lehrkräfte, Mitschülerinnen und Mitschüler, Eltern sowie Vertreterinnen der Schulverwaltung und der Schulleitung.

Eigentlich bieten die vielen Flurwände einer Schule genügend Ausstellungsfläche für die Kunstwerke von Schülerinnen und Schülern. Es macht aber - für die Jugendlichen wie für ihre Lehrerinnen und Lehrer - einen Unterschied, ob sie ihre Arbeit im begrenzten Bereich der Schulgemeinde zeigen oder ob sie den Schritt in einen weiteren Kommunikationsraum wagen. Die Initiatorin der Ausstellung, Jana Tiborra, betonte, dass in ihrer eigenen Biografie eine solche Ausstellung außerhalb des Schonraums Schule bedeutsam war und sie diese Erfahrung als Kunstpädagogin an Schülerinnen und Schüler weitergeben wollte. „Die Stadtbücherei von Bad Nauheim ist ein wunderbarer Ort, um dieses Ausstellungsprojekt umzusetzen“, betonte die Schulleiterin der Ernst-Ludwig-Schule, Uta Stitterich. Hier könnten viele unterschiedliche Menschen – Bibliotheksbesucher aller Altersgruppen, Bad Nauheimer, Kurgäste und Mitarbeiter – die Kunstwerke in einem attraktiven und intellektuell anregenden Ambiente sehen.

Die Leiterin der Stadtbücherei Bad Nauheim, Gaëlle Götz, hob in ihrer Einführungsrede im Rahmen der Vernissage hervor, dass auch sie an einer vielseitigen Kooperation mit Schulen interessiert sei, da sie hoffe, dass sich die Bücherei zu einem Treffpunkt für junge Menschen entwickle. Weitere Kooperationen mit der Ernst-Ludwig-Schule beziehen sich auf die Leseförderung – wie zum Beispiel der Vorlesewettbewerb der fünften und sechsten Klassen oder auch die Teilnahme der ELS am Onleihe-Programm der Stadtbücherei. Großzügige Zuwendungen des Fördervereins Freunde der ELS, deren Vorsitzende Carolin Pascal und Simone Sostmann ebenfalls zu den Gästen der Vernissage zählten, hätten dies erst ermöglicht, betonte die Schulleiterin. Dank des Onleihe-Programms können ELS-Schülerinnen und Schüler kostenlos Bücher, Zeitschriften, Hörbücher, Musik usw in digitaler Form über das Internet ausleihen.

Die Magie der Dinge
Im Mittelpunkt der Vernissage stand allerdings nicht das geschriebene Wort, sondern die visuell gestaltenden Künste. Eine Gruppe von Schülerarbeiten war dem Stillleben gewidmet. Dabei sei die Darstellung von leblosen und unbewegten Gegenständen gar nicht still, sondern vielmehr beredt, betonte Tiborra. Sie könnten dem Betrachter neue Perspektiven auf Dinge des alltäglichen Lebens eröffnen. Auf Obst und Gemüse zum Beispiel, das von Achtklässlern in unterschiedlichen Farben und Konstellationen in Szene gesetzt wurde. Auch drei auf Staffeleien präsentierte Acrylgemälde von Schülerinnen des Kunst Leistungskurses der Q1 nehmen Bezug auf dieses Genre: Ein Blumenstillleben, ein Arrangement mit Cocktailglas und Olive sowie eine surrealistisch anmutende Landschaftsszene, in der eine Blutorange eine zentrale Rolle spielt, suchen die Magie der Dinge zum Leben zu erwecken. 

Die Pizza als Teil unserer kulturellen Identität
Essen ist Teil unserer kulturellen Identität und seit jeher eine Inspirationsquelle für kreatives Schaffen. Schülerinnen und Schüler der Klasse 13 widmeten sich diesem Sujet, indem sie mit lebenden Personen Leonardo da Vincis berühmte Darstellung vom letzten Abendmahl neu interpretieren. Eine Fotografie dieses Tableau vivant ist in unmittelbarer Nähe zu einem Schwerpunkt unserer modernen Esskultur ausgestellt: der Pizza. Sechstklässler widmeten sich der Aufgabe, ihre Lieblingspizza zu gestalten, wobei sie, wie die Kunstlehrerin betonte, die Technik vom Malen in mehreren Ebenen übten. Vom Gelingen dieses Vorhabens zeugen unübersehbar die Salamischeiben auf der obersten Ebene des würzig belegten Fladenbrots.

Knallbunte Insektenwelten
An der Decke spazieren gehen? Das Tausendfache seines Gewichts heben?  Für viele Insekten ist das kein Problem. Sie besitzen Superkräfte, die denen von Marvels Avengers nicht nachstehen. Die Faszination, die von den kleinen Helden der Blumenwiesen ausgeht, wird deutlich, wenn man sich die von Sechstklässlern erschaffenen Superhelden-Insekten betrachtet. Sie tummeln sich in einer Vitrine und ihre aus knallbunten Pfeifenputzern gefertigten Körper wirken wuchtig vital – wären da nicht die filigran gearbeiteten Flügel, die ihre Zerbrechlichkeit erahnen lassen. Neben diesen Objekten der jüngeren Schülerinnen und Schüler sind auch zwei Plastiken zu entdecken, die aus Draht und Modelliermasse von Elftklässlern gefertigt wurden. Sie zeigen stilisierte Menschen, die in ihrer Körpersprache die Ambivalenz von Anziehung und Abstoßung thematisieren.


Spiel mit Bildikonen
Bildtraditionen haben in der Malerei immer eine wichtige Rolle gespielt und auch die Schülerinnen und Schüler der Ernst-Ludwig-Schule haben sich von der Stil-, Technik- und Motivpalette großer Künstler und Künstlerinnen inspirieren lassen. Eine Schülergruppe der 6. Klasse greift den unverwechselbaren Darstellungsstil von Keith Haring auf, um in Anlehnung an dessen Oeuvre ein eigenes Werk zu entwickeln. Andere Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse stellen mittels der Technik der Tontrennung berühmte Persönlichkeiten dar - sei es Marylin Monroe oder Leonardo di Caprio.

Einblick in die jugendlichen Traumwelten
Wie sehen die Wunschzimmer von Jugendlichen aus und wie stellen sie sich die Stadt der Zukunft vor? Auf diese Fragen gibt die Ausstellung anhand einiger Beispiele Antworten. Interessante Themen, die auch die Chance bieten, Fertigkeiten wie das Zeichnen mit der Zentralperspektive zu üben.
Die Einblicke in die Bildwelten der 39 Schülerinnen und Schüler der ELS sind noch bis zum 07.01.2023 in der Stadtbücherei in Bad Nauheim zu sehen. Die Werke warten darauf, von Besuchern aller Altersgruppen entdeckt zu werden.

Maria Christin Schachl