04.06.2022 11:12 Alter: 23 days
Kategorie: fb1, Deutsch

„Das Ende meiner Sprache ist das Ende meiner Welt“ – 11 Jahre „Poetry Slam“ an der ELS

Nach knapp dreijähriger Abstinenz begeisterte der bekannte Slampoet Lars Ruppel an der Ernst-Ludwig-Schule erneut mit einem vielseitigen Programm rund um die Themen „Lesen“, „Schreiben“ und „Literatur“



Eines stand ganz besonders im Zentrum der Veranstaltung, die aus einer 90-minütigen Performance für alle Schülerinnen und Schüler der E-Phasen-Kurse sowie aus einem anschließenden Workshop für den Orientierungskurs Deutsch bestand: Die Wiederentdeckung der spielerischen Neugier im Umgang mit Sprache und der Mut, diese Kreativität – entgegen aller Vorhersehbarkeit und Normativität im Zeitalter von digitaler Autokorrektur und schulischer Didaktisierung – mithilfe eigener Texte zu präsentieren und auszudrücken. Ganz im Sinne des titelgebenden Wittgenstein-Zitats vermittelte Lars Ruppel den Zuhörerinnen und Zuhörern in der Mehrzweckhalle der Ernst-Ludwig-Schule am Dienstag, den 17. Mai, unterschiedlichste Impulse, wie es gelingen kann, Lesen, Schreiben, und das Interesse für Literatur (vor allen Dingen für Jugendliche) zu entstauben und innovativ wiederzuerwecken.

Die Veranstaltung, an der neben den Schülerinnen und Schülern der Ernst-Ludwig-Schule ebenfalls die Austauschgäste aus La Réunion teilnahmen, um den poetischen und wortgewitzten Ausführungen des gebürtigen Gambachers zu lauschen, wurde von Schulleiterin Uta Stitterich eröffnet. Neben der Begrüßung des Hauptakteurs dieses Vormittags hob sie bereits zu Beginn die Relevanz von Sprache hervor: das virtuose und bildende Potenzial, das durch den bewussten Umgang – ob durch Konsum oder im schöpferischen Hervorbringen eigener Gedanken und Geschichten – weiterentwickelt werde, und das immer wieder für neue Perspektiven auf die Phänomene dieser Welt sorge. Im Bestreben, dies im Rahmen der jährlich am 23. April stattfindenden Aktion „UNESCO-Welttag des Buches“ authentisch erfahrbar zu machen, hatte unter anderem die Fachkonferenz Deutsch bereits vor einigen Jahren über eine adäquate Durchführung einer schulinternen Veranstaltung beraten, die imstande ist, eine solche Sensibilität in den Vordergrund zu rücken. Im Zuge dessen etablierte sich die Idee der regelmäßigen Organisation eines „Poetry Slam“ als eine ganz besondere Form des Vortrages, der nach der pandemiebedingten Zwangspause in diesem Jahr sein nunmehr elfjähriges Bestehen feiert. Der für seine Kunst mehrfach ausgezeichnete Slampoet Lars Ruppel konnte hierfür vom Organisationsteam um die Deutschlehrkräfte Dorothee Hildebrand, Christian Liebchen, Eva Pfeiffer-Heidecke und Tizian Schäfer erneut als Redner und „Poesie-Coach“ gewonnen werden, um seine Erfahrungen und seine Expertise als Autor, Redner und Moderator mit rund 100 aufmerksamen Schülerinnen und Schülern zu teilen.



Auf einer gedanklichen Zeitreise beim Durchforsten alter Kindheitserinnerungen auf dem heimatlichen Dachboden sei es ihm schließlich bewusst geworden: Das mit der Sprache, der Literatur, der Kunst, dem Inszenieren und dem Vortragen muss für ihn, Lars Ruppel, wohl bereits seit seinem achten Lebensjahr vorbestimmt gewesen sein. Zumindest zeuge hiervon sein erstes eigenes Gedicht, das ihm im Rahmen einer Grammatikhausaufgabe zur Komparation von Adjektiven aus dem Füllfederhalter entsprungen war. Eines sei ihm dabei ganz klar geworden: Auf die Frage, ob es sich überhaupt lohne, Aufgeschriebenes vorzutragen, könne es nur eine Antwort geben: Ja, das lohnt sich – immer! Man solle den unbeschwerten Mut wiederfinden, Sprache nicht nur als Instrument der nüchternen und sachbezogenen Kommunikation zu sehen. Stattdessen solle man mit Worten experimentieren, Dinge ausprobieren und verändern. Sprachlicher Ausdruck meine nicht lediglich die Fähigkeit, sich in Schrift, Bild und Ton mitteilen zu können, sondern sich darüber hinaus eine unverwechselbare Identität zu schaffen und dabei Andere zum Weiter- und Umdenken anzuregen, sie zu überraschen und wiederum zu neuem kreativen Output zu bewegen.
Mit dem Konzept „Poetry Slam“, dem „Wettkämpfen mit Texten“, bei dem Künstlerinnen und Künstlern eine Bühne geboten wird, ihre Texte vorzutragen und per Publikumsentscheid ein Feedback hierüber zu erhalten, sei Ruppel schließlich durch einen guten Freund im Alter von 15 bis 16 Jahren in Berührung gekommen. Die Teilnahme hieran habe ihm die Möglichkeit geboten, Ideen und persönliche Erlebnisse literarisch zu verarbeiten und vor einem Publikum zu präsentieren. Im Grunde sei hierbei alles erlaubt, man solle einfach das machen, was einem wichtig sei und Spaß bringe – so wie er, als er mit einem Text debütierte, mit dem er seiner zu diesem Zeitpunkt liebsten Freizeitaktivität huldigte: „Hecking“, wie er das von ihm praktizierte spektakuläre Springen in Hecken und Gebüsche taufte, das von den im Fernsehprogramm ausgestrahlten waghalsigen Stunts US-amerikanischer Darsteller inspiriert war.
Die Freude und Begeisterung im Spiel mit Worten und Gedanken zeigte sich an diesem Vormittag ebenso bei der neugierigen Schülerschaft, die Ruppel durch interaktive Spiele sequenziell in seinen Vortrag miteinbezog. So wurde beispielsweise gemeinsam eine „romantische Horrorstory um Ponys“ gestrickt, in einem „Synonym-Battle“ sollten schnellstmöglich fünf kreative Synonyme für ausgewählte Wörter gefunden werden und ausgehend von zufällig gefundenen Substantiven wurde das Phänomen der Liebe entschlüsselt, die mal mit einer „GmbH“ gleichgesetzt und mal mit der „Zellteilung“ verglichen wurde.
Nach einer abschließenden offenen Frage-Antwort-Runde, in der er Fragen zu seinem Leben und Arbeiten als Slampoet beantwortete, beendete Lars Ruppel, der neben seinen künstlerischen Engagements in Deutschland unter anderem ebenfalls für Projekte in Frankreich, Indien, in den USA und im Sudan verantwortlich ist, die Veranstaltung mit den Vorträgen seiner Texte „Der Traum der Raupe“ und „Holger, die Waldfee“, die jeweils aus seiner Buchreihe „Über Redensarten“ stammen. Mit pointiertem Wortwitz ließen diese punktuell den humoristischen Einfluss Heinz Erhardts erkennen, den Ruppel schon immer verehrt habe, obwohl er das aktive Schaffen eines der berühmtesten deutschen Komiker nie miterleben konnte. Auch dieser Aspekt verdeutlicht schlussendlich eine der Kernaussagen, die Ruppel den Zuhörerinnen und Zuhörern durch seinen Auftritt vermittelte: Sprache ist zeitlos – Worte bleiben. In diesem Sinne bestehe das Credo darin, Sprache nicht nur passiv zu konsumieren, sondern bewusst zu „erleben“ und aktiv zu gestalten, um unsere eigene Welt zu erweitern – so, wie wir es bereits in frühesten Kindestagen durch Spielen, Reimen, Malen, (Vor)lesen und Geschichtenschreiben getan haben. Der Schlüssel, diese Kreativität (wieder) zu entdecken, liege in erster Linie darin, sein individuelles Potenzial zu erkennen, zu wecken und es auszuleben.



Ein besonderer Dank gebührt Bennet Hofmann sowie Jonas Karl aus der Technik AG, durch deren Arbeit der Ton während der Veranstaltung stets perfekt eingestellt war. Stellvertretend für die Schulgemeinschaft dankt das Organisationsteam ebenso recht herzlich und ausdrücklich dem „Verein der Freunde“, der sich dieser Form der Kulturförderung angenommen hat und die Ausrichtung des „Poetry Slam“ an der Ernst-Ludwig-Schule alljährlich tatkräftig unterstützt sowie seither finanziell trägt. Insbesondere dieser Unterstützung ist es zu verdanken, dass nach einer dreijährigen Zwangspause endlich wieder „Sprache zum Anfassen“ geboten werden konnte.

Weitere Infos zu Lars Ruppel: http://larsruppel.de/
Weitere Infos zum Welttag des Buches: https://www.welttag-des-buches.de/

Tizian Schäfer